Frankfurter Neue Presse vom 20.12.2014 - Der rote Faden Folge 103

Theatermacher Hans-Dieter Maienschein - Der Kinderverzauberer

Von Inga Janovic

Hans-Dieter Maienschein nimmt die Maske nicht ab. Er empfängt den Gast im Kostüm des Sandmanns aus dem Märchen "Peterchens Mondfahrt". In goldenen Pantoffeln kommt er gelaufen, trägt einen seidenen Hausmantel, auf dem die Rüschen des Jabot-Kragens liegen. Das Gesicht ist weiß geschminkt, Mund und Nasenspitze leuchtend rot, ebenso die Wangen, umrandet von glitzerndem Goldstaub. Ein paar Stunden nur, sagt der Gründer und Direktor des Papageno-Theaters am Palmengarten zur Begrüßung, dann stehe er ja schon wieder auf der Bühne.

Jetzt lehnt er sich an eben diese, den Blick auf die roten Sitzreihen, in denen fast immer Kinder, seit einigen Jahren auch Erwachsene Platz nehmen. Hinter sich das angeleuchtete Bühnenbild des Märchens, von dem sich in diesen Tagen hunderte kleine Zuschauer haben verzaubern lassen. Zwei Vorstellungen täglich gibt das Ensemble des Musiktheaters in der Adventszeit. "Jedes Mal abschminken, das hielte auch die Haut nicht aus", sagt er noch, dann ist sein Aufzug, in dem ein kräftiger und trotz seines grauen Haares jugendlich wirkender Mann steckt, für ihn vergessen. Maienschein sind seine Masken und Kostüme so sehr zur zweiten Haut geworden, dass er mit ihnen ab und an sogar ins Auto steigt, um zum Mittagessen in seine Wohnung am Dornbusch zu fahren.

Einer für alles

Wobei der 56-Jährige auch den eigenwilligen Theaterbau zwischen dem Hochhaus der KfW und dem Palmengarten-Gesellschaftshaus als sein Zuhause bezeichnet. Er hätte auch "Lebenswerk" sagen können; alles, was Maienschein umgibt, hat er geschaffen. Das gilt nicht nur für die Tatsache, dass er das Papageno-Theater gemeinsam mit seiner Frau Renate vor 17 Jahren gegründet hat. Es trifft auch darauf zu, dass er die nötigen Finanzen zusammenholt, Schauspieler und Sänger engagiert, den Spielplan bestimmt, speziell fürs Papageno geeignete Bühnenversionen verfasst und die Stücke, in denen er sich meist auch selbst eine Rolle zuschreibt, inszeniert. Der Begriff Lebenswerk steht in diesem Fall für mehr: Maienschein hat eine Art Theater erfunden, wie es dies sonst nicht gibt. Denn in Wahrheit dient der Schauspieler der Musik: "Wir sind kein übliches Kinder- und Jugendtheater. Wir sind ein Musiktheater, ich will Kindern klassische Musik nahebringen."

Das gelingt mit Maienscheins ganz persönlichen Rezepten: Entweder er nimmt bekannte Stoffe aus der Kinderliteratur und macht daraus eine Inszenierung mit klassischer Musik. Pippi Langstrumpf mit Johann Strauß, Kalle Wirsch mit Georges Bizet, Frau Holle mit Mozart. Oder er sucht sich eine Oper aus und "verkleinert" sie so, dass die Inhalte kinderleicht werden und die Musik ein Maß bekommt, an das sich die Kinder oft noch Monate später gut erinnern. Auch, weil alles live gespielt und gesungen wird. Manchmal gar von einem kleinen Orchester begleitet, in jedem Fall von Klavier und Geige. Gerade in der Vorweihnachtszeit wollen das alle sehen. Bis zum 22. Dezember gibt das Ensemble täglich zwei Vorstellungen, füllt siebenmal sogar die Alte Oper.

Am Radio verführt

Nach den Vorstellungen, in denen oft Kindergartengruppen und Grundschulklassen sitzen, rufen nicht selten ratlose Mütter an. Ihre Kinder singen plötzlich Mozarts Arie des Vogelfängers oder summen Melodien aus den Operetten von Johann Strauß; gern wüssten nun die Eltern, welche CD sie kaufen müssen, um nachzuhören, welche Klänge ihre Kinder da verzaubert haben.

In Maienscheins Fall war das die Oper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck. Neun ist er, als er sie zum ersten Mal im Radio hört. Der Junge, der zu diesem Zeitpunkt in den Kindergärten seines Heimatstadtteils Riederwald schon als Schauspieler reüssiert hat – irgendwie konnte er die Erzieherinnen überreden, den nur wenig Kleineren seine selbst erdachten Szenen vorführen zu dürfen –, findet seine Leidenschaft fürs Leben: Musik, klassisch. Am besten Oper. Zwölf ist er, als er seine erste Vorstellung im Opernhaus sieht, er verschlingt förmlich, was ihm geboten wird. Und kommt so oft wie irgend möglich wieder.

Die Stars, die er damals in den Aufführungen sieht, hat er später alle in sein Theater geholt. In handschriftlichen Briefen schildert er ihnen seine Idee vom Musiktheater für Kinder. Die ganz Großen sind begeistert, treten gern auf seiner Bühne für die Kleinen auf. Am liebsten wäre Maienschein selbst Opernsänger, Tenor, geworden, doch als er diesen Wunsch bei sich entdeckt, ist er schon zu alt für eine Stimmausbildung. Also studiert er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt das Fach Schauspiel. "Umso stolzer bin ich heute: Ich stehe mit so großen Sängern auf der Bühne und sie stehen mit mir auf der Bühne."

Vierzehn Operngrößen wie Anny Schlemm und Gail Gilmore sitzen zudem im Förderverein des Theaters. June Card unterstützt es nicht nur, sondern inszeniert regelmäßig, vor allem die Stücke für Erwachsene, die Maienschein nach der Wiedereröffnung seines Theaters ins Programm genommen hat.

Das war 2003, als alles neu begann, was ein Jahr zuvor zu Ende schien. Der Tag, "an dem ich mein Theater verlor", liegt im August 2002, im Sommer des Jahrhunderthochwassers an der Elbe. "Es war das erste Mal seit der Theatergründung, dass meine Frau und ich in den Urlaub gefahren sind." Am zweiten Tag ruft Tochter Sarah (32) an: In Frankfurt haben in der Nacht zuvor Sturm und Regen getobt – und das Zirkuszelt, das dem Theater im Palmengarten als Spielstätte dient, zum Einsturz gebracht. Die Plane begräbt alles, Ton- und Lichtanlage, Kulissen, Stühle. "Ich dachte, das war's. Wir standen davor und haben geweint."

Die guten Feen, die dann erscheinen, heißen Dina und Dieter Kürten, sie bringen den traurigen Theatermann zu einem mildtätigen König. Dietmar Hopp, der SAP-Gründer, gilt als überaus wohltätig, Theater allerdings ist nicht sein Feld. Fürs Papageno macht er eine Ausnahme. Über eine Million Euro gibt er, am Palmengarten kann davon das neue Theaterzelt, ein fester Membranbau nach den Entwürfen der Berliner Architektin Felicitas Mossmann, errichtet werden.

Hopps Name steht heute ebenso auf der Liste der Ehrenmitglieder des Papageno-Fördervereins wie der von Paul McCartney, den Maienschein seit fünf Jahren zu seinen Brieffreunden zählt. Damals bringt er im Papageno das "Liverpool Oratorio" auf die Bühne. Der große Musiker und Ex-Beatle, der erstmals klassische Musik geschrieben hat, gestattet persönlich die Aufführung in halbszenischer Fassung. Zum Premieren-Abend schickt er Blumen und handgeschriebene Glückwünsche. Ab und an gehen zwischen den Männern bis heute Briefe hin und her. Der erste von damals hängt bei Maienschein an der Wand. Noch eine Brieffreundschaft hält der Frankfurter in Ehren – die zu Simonetta Puccini, der Enkelin seines absoluten Lieblingskomponisten Giacomo Puccini. "Seine Musik hat eine Wirkung auf mich, das kann ich kaum erklären."

Eine Talentschmiede

Trotzdem will er diese Begeisterung mit seinem Publikum teilen, nicht nur mit Kindern. "Das Haus verlangt förmlich danach, auch abends bespielt zu werden." Maienschein macht eine Geste durch den Raum. Er fasst 199 Zuschauer, und der Impresario setzt für sie Opern, Operetten und Musicals auf den Spielplan. Opernschauspiel nennt er seine Haus-Versionen. Mit dem Einstieg in den Abendbetrieb wird das Papageno auch zur Schmiede junger Sängertalente. Sie bekommen hier die Gelegenheit, Bühnenerfahrungen zu sammeln. In der Reihe "Kennen Sie ...?", die auf eine überaus stimmungsvolle Weise in das Werk verschiedener Komponisten einführt und die natürlich mit Maienscheins Favorit Puccini begann, stehen junge und berühmte Solisten gemeinsam auf der Bühne. Die Märchenkulisse im Hintergrund passt; in gewisser Weise ist Maienschein ein Hans im Glück. Er hat viel dafür gegeben und hat nun ein Leben, das aus dem besteht, was seine Leidenschaft ist. "Mein Leben dreht sich nur um dieses Theater hier. Das lässt nichts anderes zu. Aber das stört mich nicht."

Es hätte nicht so kommen müssen. Über seine Kindheit möchte Hans-Dieter Maienschein, der so gern über das spricht, was er alles tut, nichts erzählen. Schönes und Nichtschönes habe es da gegeben, die Musik sei seine Zuflucht gewesen: "Ich habe vieles damit ausgleichen können." Maienschein hat zwei Elternhäuser erlebt, ist im Laufe seiner Schulzeit zu Pflegeeltern gezogen. Diese können dem Jungen viel von dem bieten, was er sich schon selbst erobert hat: Der Stiefvater war Dirigent, die Stiefmutter Sängerin. Und der Junge steht auf der Bühne: "Ich bin auf die Ernst-Reuter-Schule gegangen. In den Pausen habe ich mit meinen Freunden in der Aula Theater gespielt." Die Mitschüler finden Hans-Dieter mit dem Theater-Spleen, der eigentlich gar nicht gern zur Schule geht, nicht lächerlich. Sie spielen gern mit. "Irgendwie macht man, was ich sage. Dabei bin ich kein Despot."
Maienscheins Wirkung ist wohl eher die eines Feuers: Er sprüht vor Begeisterung, steckt andere an. Selbst mit der dicken Schminke im Gesicht ist klar, dass nichts Theatralisches anklingt, wenn er sagt: "Für mich gibt es nichts Schöneres als leuchtende Kinderaugen."

Sie zu sehen, wünschen sich auch viele Eltern, manche so sehr, dass sie ihren Nachwuchs zu früh ins Papageno bringen. "Wir schreiben zu allen unseren Stücken, dass sie für Kinder ab fünf Jahren gedacht sind." Trotzdem kämen manche schon mit ihren Zweijährigen. Für sie ist in der Regel zu viel, was das Theater verlangt: Still sitzen muss man, still sein auch. Dazu aushalten, dass sich böse Hexen auch als solche verhalten, manche Szene bedrohlich wirkt... "Wir machen hier kein brutales Theater. Aber im Märchen ist es nunmal so, dass es das Böse geben muss", sagt Maienschein. Deshalb ärgert er sich, wenn Eltern ihre Kinder überschätzen. "Damit verschrecken sie sie."

Die meisten der kleinen Zuschauer aber werden verzaubert. In Gesprächen nach der Vorstellung wollen sie immer ganz genau wissen, wie es sich anfühlt, Oliver Twist oder der Sandmann zu sein. Rätselnd stehen sie vor dem Brunnen, in den im Stück "Frau Holle" Goldmarie und Pechmarie gesprungen waren. Und manchmal unterhalten sie sich beim Rausgehen ganz vertieft, danken mit einem aufrichtigen "Der Film war cool".

Um solche Komplimente zu hören, ist Hans-Dieter Maienschein im Leben ein großes Risiko eingegangen. Nach der Schauspielschule nämlich hat ihn das ZDF geholt. Er spricht Nachrichtenblöcke der "Heute"-Sendung – mancher würde für eine solche Position töten. "Ich war gut im Geschäft." Aber er bleibt nicht, gründet stattdessen ein Kindertheater, mit dem er auf Tournee geht. "Das fing ganz klein an und wurde schnell ganz groß." Eine Garage in Sachsenhausen als Fundus, ein Bus voll mit Kostümen, Plakaten, Kulissen; ein Leben zwischen Frankfurt und vielen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Seine Frau entdeckt ihn

Bei einem dieser Auftritte wird Maienschein entdeckt, von Renate, seiner Ehefrau. Sie hat in Mainz Schauspiel studiert, sieht ihn auf der Bühne – und will sprichwörtlich in seine Garderobe. "Eine Freundin hat die Kupplerin gegeben..." Da finden sich zwei: "Sie ist mir eine unendliche Hilfe. Ich halte den roten Faden in der Hand, aber ohne sie ginge es nicht." Fast 15 Jahre ist das Paar mit seinem Kindertheater auf Tournee. Erst als das zweite Kind größer wird, sehnt sich die Familie nach Sesshaftigkeit. Es ist nicht vieler Überlegungen wert, dass sie sich in Maienscheins Heimatstadt niederlässt. "Ich mag Frankfurt."

Inzwischen sind die Kinder groß. Tochter Sarah ist 32, Sohn Niklas 22. Beide hat das Theaterleben der Eltern geprägt. Den Jüngeren hat es gar infiziert – er studiert Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. "Das hat er ganz allein ausgesucht und entschieden. Er hat enormes Talent. Er war der einzige Kinderdarsteller, den wir je hatten", schwärmt der Vater, der sich fragt, ob er sein Werk in die Hände des Sohnes übergeben wird. Man werde sehen – und mit 56 muss Maienschein noch lange nicht ans Aufhören denken.

Tochter Sarah ist in gewisser Weise schon in den Betrieb eingestiegen, sie leitet den Förderverein des Theaters. Sie arbeitet als Rechtsanwältin. Der Vater glaubt, sie wäre eine gute Schauspielerin geworden. "Sie hat ein wahnsinniges Gerechtigkeitsempfinden, auch weil sie als Kind viel von dem erlebt hat, was uns auf den Tourneen Unrechtes widerfahren ist", sagt Maienschein, Genaueres erzählt er nicht. Wenn er Märchen inszeniert, besteht er darauf, dass es auch das Böse geben muss. Aus seinem erzählten Leben streicht er es weitgehend heraus.



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